fotos zu den texten sind mit freundlicher genehmigung der interviewten, wenn nicht näher ausgewiesen, dem
LIBUS-magazin entnommen

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Die Skeptiker - Eugen Balanskat im Gespräch














Passend zu unserem Plattentip und der dazugehörenden Verlosung führte
Ronald Klein
Ende des letzten Jahres ein Interview mit dem Frontmann
und Bandleader der Skeptiker:
Eugen Balanskat.
Dabei geht es weniger um
das neue Album als vielmehr um einen
kleinen Rückblick. 12 Jahre Skeptiker.
Ein Rückblick.

Merkst Du anhand des Feedbacks, daß sich Euer Publikum in den 12 Jahren enorm verändert hat? Wirkt sich der "Kulturwandel" irgendwie auf die Rezeption Eurer Musik, bzw. auf Plattenverkäufe aus?

"Naja, wir sind ja nun nicht der große deutschlandweite Vertreter von irgend etwas. Wir haben schon immer in einer abgezirkelten Ecke gesessen und tun das nach wie vor. Natürlich ist die Hoffnung da, daß sich darüber hinaus etwas ergibt. Aber realistisch ist das wohl nicht. (kurze Pause) Aber Deine Frage war das ja wohl nicht. Es ging um die Veränderung des Publikums."

Genau.

"Zu Ost-Zeiten haben wir mal auf einem Konzert erlebt, daß sich das Publikum total zugesoffen hat. Die Leute haben nur rumgeschweint. (lacht) Da schwamm der ganze Saal, das war eine einzige Bierpfütze. Die Leute wälzten sich darin - so aus Spaß. Das war schon ziemlich ekelhaft. Zumal die Leute nicht auf die Musik achteten, sondern nur ihren Fun haben wollten. Das hat uns dann doch etwas pikiert. (lacht) So etwas haben wir in dem extremen Maße nie wieder erlebt. Ansonsten hat sich wenig verändert. Warum auch? Ein Wessi ist kein Mars-Mensch. Das haben wir schon ziemlich schnell mitbekommen, wenn Du ans Publikum rangehst, wirst Du auch angenommen. Wieso auch nicht?"

Gutes Stichwort. Im Osten genießen Die Skeptiker den Status einer absoluten Kult-Band, wie war das nach der Vereinigung? Gab es anfangs Berührungsängste "im Westen"? War es schwierig sich Ruhm, bzw. einen Namen zu erspielen?

"Bekannt sind wir im anderen Teil noch immer nicht. Nach Maueröffnung haben so viele Bands aus dem Westen im Osten gespielt und umgekehrt. Und da war so viel Grütze bei, aber mittlerweile ist wieder Normalität eingekehrt. Man hört sich an, was so aus seinem Umfeld kommt. Es gibt immer einen gewissen Lokal-Bonus. Die Frage ist, wie weit man darüber hinaus kommt. Der Vorlauf, den wir im Osten hatten, ist nicht mehr einzuholen. Wir dachten, daß sich dies irgendwann mal nivelliert, so auf "Einheitsniveau". (lacht) Aber es liegt vielleicht auch daran, daß wir nach wie vor im Osten mehr spielen als im Westen. Wir reisen zwar bei jeder Tour durch die größeren Städte, aber sind eben dort trotzdem nicht so oft präsent."

Hat sich Eure Intention in den letzten 12 Jahren verändert? Gibt es einen Unterschied zwischen DDR und dem vereinigten Deutschland?

"Die Intention hat sich absolut nicht verändert. Es hört ja nicht auf, daß einem Dinge widerfahren, die einem nicht passen, gegen die man aufbegehrt – weder im Osten, noch im Westen. Es läuft heute sicherlich anders, aber es ist keinesfalls so, wie Kohl schwafelte, daß sich alles in blühende Landschaften verwandle. Heute mag es einigen schlechter gehen als einst, weil sie abgestürzt sind, aus welchen Gründen auch immer. Auch das Umgekehrte ist eingetreten. Manchen geht es top. Aber das kratzt nicht am grundsätzlichen."

Rein künstlerisch betrachtet: war es zu Ost-Zeiten nicht schwieriger, Strukturen für eine Band jenseits des konformen Mainstreams zu finden?

"Eigentlich konnte man gar keine Platten aufnehmen. Wir hatten das Glück, wie einige wenige andere Bands auch, daß es zur Produktion kam, in unserem Fall zu einer Maxi. Über den Vertrieb brauchte man sich keine Sorgen zu machen, das war staatlich gelenkt. Wenn eine Platte draußen war, gab es die überall in der Republik – nicht so wie heute (lacht). Und die hatten dann auch alle (lacht noch mehr)."

Aber wirkte sich nicht die Zensur erschwerend darauf aus, einen Song überhaupt zu pressen. Das lief doch nicht alles reibungslos ab.

"Live war immer mehr möglich als auf Platte, weil manches wollte der Staat einfach nicht verewigt wissen. Wir hatten auf Konzerten uns viele Fans erspielt und wackelten dann zu AMIGA hin, und fragten, ob wir eine Platte aufnehmen könnten. Wir sollten dann ein paar Texte vorbeibringen. Anschließend gab es einen Termin zur Besprechung. Dort wurde uns gesagt, daß es "so" nicht möglich sei. Wir wollten die Texte aber nicht verändern, und damit hatte es sich erst einmal erledigt. Ein halbes Jahr später meldeten die sich dann doch, und fragten noch mal nach. Ich sagte, daß sich unser Standpunkt nicht verändert habe und schließlich konnten wir aufnehmen, ohne eine Silbe zu verändern. Aber das war schon zum Ende der Republik. Da spielten die Underground-Acts sowieso vor einem größeren Publikum als die etablierten Bands."

Worauf wird heute der inhaltliche Schwerpunkt gesetzt?

"Wenn nicht allgemein relevante Dinge thematisiert werden, ist es klar, daß die Songs auch gerade von Minderheiten rezipiert werden. Wenn ich motze, daß das Leben nicht für alle ein Zuckerschlecken bedeutet, interessiert es natürlich nicht jene, denen es nicht so geht - obwohl die ja eigentlich in der Minderzahl sind (lacht). Man muß sich klar sein, daß dies hier eine Nischengeschichte ist."

Nun hat sich ja das Image des Punks, gerade wenn man es mit den Ost-Zeiten vergleicht, wesentlich verändert. Punk ist dahin zurückgekehrt, wo er eigentlich herkam - aus dem Keller oder man fährt eben die etwas kommerziellere Schiene. Ist es da schwierig seine eigene, ganz besondere Nische zu finden?

"Wenn Du bei der Kommerzialität Bands wie Green Day oder Offspring meinst - klar, die haben leicht verdauliche Kost gemacht, aber von Hause aus den Vorwurf der Kommerzialität zu machen, finde ich blödsinnig, weil Du im Vorfeld nicht weißt, was erfolgreich wird. Und bei den wenigsten Bands ist das ja so, daß sie über Nacht die große Nummer werden. Bei vielen habe ich mittlerweile auch das Gefühl, daß es irgendwann auch berechtigt ist, wenn einer zehn Jahre durch den Dreck kriecht und auch die kleinste Spelunke bespielt hat. Plötzlich wird er zur großen Mode hochgepusht - das hat ja immer der Zeitstimmung und Tendenzen zu tun. Das ist dann vielfach eine voll korrekte Nummer. Wo ich es wirklich nicht abkann, ist bei diesen Medienblasen. Also, wenn jemand überhaupt nicht existent ist, keinen Longplayer draußen hat. Dieses typische One-Hit-Wonder eben. Aber das ist ja eher der Seifenoper-Bereich, das hat man ja bei Bands nicht so häufig. Bei Green Day oder Offspring würde ich mich nicht so aufregen. Wenn ihr Potential "hittig" ist, dann gönne ich ihnen auch den Erfolg."

Reizthema "Rammstein". Auch hier wurde ja vorgeworfen, der Erfolg sei über Nacht gekommen, doch die einzelnen Musiker spielten ja auch jahrelang im Untergrund. Auch Rammstein spielte am Anfang vor manchmal nur 200 Leuten, und heute füllen sie eben mal die Wuhlheide. Ist der Erfolg gerechtfertigt, oder ist es sell-out?

"Nee, Ausverkauf nicht. Die haben ein Konzept, daß sehr anstößig ist, aber es hat für sie funktioniert. Mit ihrem Erfolg habe ich kein Problem, aber mit ihrer Message. Ich kenne die meisten aus tiefsten Ostzeiten, und gönne es ihnen als Typen. Aber das, was sie machen...? Die Musik kann sein, wie sie will. Sie haben den Stil nicht erfunden, aber gut zusammengemixt. Aber die Message, die sie raushauen, finde ich total daneben. Ich weiß auch nicht, ob das alles so witzig und ironisch gemeint ist, wie sie es immer darstellen. Da steckt viel kommerzielles Kalkül dahinter. Vielleicht bin ich auch zu humorlos, aber inhaltlich komme ich mit Rammstein überhaupt nicht klar."

Auch bei den Skeptiker-Songs ist ja Hit-Potential vorhanden. Und trotzdem wurde die Band nie groß vermarktet. Liegt es daran, daß Ihr nie für die großen Kompromisse zu haben wart und statt dessen Eure ur-eigenen Ansichten in den Songs reflektiert?

"Naja, nicht nur. Man hält ja nicht nur Nabelschau. Das wäre ja langweilig für andere. Für mich ist das so wie Filmegucken. Man kreiert ja auch Figuren, die in den Songs in der Ich-Form dargeboten werden, aber trotzdem nicht dem eigenen Selbst entsprechen. Denn so schizophren kann man nicht rumlaufen, wenn man sich auf einer Platte etwas konträr äußert. Mal etwas melancholisch, dann wieder der lockere Typ, den nichts kratzt - wie gesagt, so schizophren bin ich nicht. Ich thematisiere anhand fiktiver Typen Themen, die ich in der Ich-Form interpretiere, aber nicht zwangsläufig bin."

Aber Ihr spielt eben eine Form des Punk mit politischen und direkten Texten, die im heute vorherrschenden Formatradio oder auch bei MTV oder Viva keine Chance hat. Würdet Ihr Kompromisse eingehen, um Airplay zu erhalten?

"Das haben wir zu Ostzeiten nicht gemacht, und heute gibt es noch viel weniger Gründe, die dafür sprechen. Damit gibst du doch alles auf. Wenn du dich selbst verlierst, hast du auch kein Publikum mehr. Bei unserer Stilistik mag man die Band für das, WAS sie macht. Und wenn du das verleugnest, um kommerzieller zu sein, dann hast du alles verloren. Unsere Fans, die es im Leben auch etwas schwerer haben, sind für solche Geschichten sehr sensibel. Manchmal schon fast intolerant. Einmal kam ein Mädel zu unserem Konzert - in einem Mercedes und parkte direkt vor dem Club. Als den wieder verließ, war der Wagen total zerlegt. Okay, man könnte sagen, sie hat sich taktisch unklug verhalten. Aber das ist eine Sache, die finde ich auch schon etwas schwachsinnig, denn das ist eine Sache, wenn man die konsequent betreiben würde, müßte man jedes Produkt einer Firma boykottieren, die Dreck am Stecken hat. Und ich bin auch dafür, Firmen zu boykottieren, die wirklich Dreck am Stecken haben - was ja bei fast jeder Großbank der Fall ist, schon rein geschichtlich gesehen. Aber manches geht mir halt zu weit. Weißt Du, wenn wir zu Festivals fahren, müssen wir Fahrzeuge anmieten. Und da ist es schwierig, überhaupt Autos zu finden, die wir uns leisten können, und da gucke ich dann nicht mehr drauf, welche Marke das ist. Und den Luxus, z.B. den Mercedes abzulehnen, können wir uns gar nicht leisten. Das Leben ist nicht so einfach, wie man es sich oft zusammendeutet."

Erklären diese Reibungspunkte das häufig rotierende Besetzungskarussell bei den Skeptikern: weil die anderen lieber "über die Runden kommen" wollen?

"Nee, finanzielle Gründe sind das nicht. Eher der mangelnde Erfolg, der aber nicht am Geld gemessen werden kann. 1993 gab es eine Menge Bandinterner Querelen - kurz bevor wir die "Schwarzen Boten" aufnahmen. Und da hat unser Basser uns richtig gepusht. Er glaubte an die Platte, und hat wirklichen Optimismus versprüht. Doch leider wurde das Album nicht der von ihm erhoffte Erfolg, und enttäuscht stieg er aus. Die Platte lief nett, aber das war ihm zu wenig. Seitdem hat er sein Instrument in die Ecke gestellt und macht keine Musik mehr."

Wie schaut es mit den "anderen bands" von früher? Verfolgst Du noch Ihr Schaffen?

"Allzuviele haben ja nicht überlebt. Spontan fallen mir nur Sandow ein. Naja, und Feeling B - aber da ist ja ähnlich wie bei mir, Aljoscha der einzige, der übrig geblieben ist. Herbst In Peking? Da ist nur noch Rex vorhanden, der Rest ist gegangen. Nur Die Art sind noch eine der beständigen Bands geblieben. Aber mehr fällt mir auch nicht ein. Zu Ost-Zeiten gab es so viele spannende Bands und Clubs. Damals hatte das noch - ohne, daß ich das jetzt nostalgisch bedauere - so einen subversiven Touch, und die Konzerte waren wie Familienfeiern. Aber wie gesagt, ich bedauere es nicht, weil es ja von der perversen Situation des Nicht-Rauskönnens abhing."

Trotzdem besitzt die damalige "Szene" einen einzigartigen Nimbus. Sehr gut ist die Situation in "Flüstern & Schreien" festgehalten. War denn damals tatsächlich alles so "besonders". Hat man unter Musikerkollegen zusammengehalten, gemeinsame Projekte gestartet?

"Naja, das gab es cliquenweise. Es haben verschiedene Bands zusammengehangen. Aber es gab keinen großen Einheitsklops. Im Osten war ja alles "independent", was nicht von der Staatskultur zugelassen war. Aber da gab es trotzdem enorme Unterschiede. Deswegen haben auch immer bestimmte Bands miteinander rumgehangen.

Mit wem hingen Die Skeptiker rum?

"Ich glaube, wir haben uns immer etwas abgekapselt. Wir mochten etliche Bands. Die Art, Feeling B, Sandow. Die fanden wir richtig klasse. Aber so kumpelmäßig? Ich bin schon immer eher der Eigenbrödler gewesen. Ich bin mehr so für mich rumgerannt. Auch nicht mit der eigenen Gruppe zusammen. Was mir immer etwas suspekt schien, war in der Szene im Prenzlauer Berg, daß ständig die Besetzungen wechselten, und so hat jeder mal in allen Bands gespielt. Das hatte einen gewissen Einheitssound zur Folge. Zum Schluß glich sich alles etwas an, was ich öde fand. Plötzlich war ein Saxophon Mode, und schon wurden die drei "Szene-Saxophonisten" von x-Bands unter Beschlag genommen."

Welche Künstler bedeuten Dir noch viel?

"Das sind Stimmen aus der klassischen Kunst. Leute, die kaum noch jemand kennt, heutzutage. Jedenfalls nicht die jungen Leute. Bei aktuelleren Sachen finde ich nicht so viel, wo ich was rausziehen kann. Es gibt kaum neue Platten, die ich unbedingt haben muß."

Zum Beispiel?

"Pitch Shifter. Da sind noch Punkroots, aber neue Technologie ist nicht außen vor gelassen. Echter Hammer, die letzte Scheibe."

Weil Du vorhin "Stimmen" angesprochen hast - eine Frage zu Deiner, die sich doch enorm vom üblichen Genre-Geschrei abhebt. Hast Du eine klassische Gesangsausbildung?

"Nee, ich war mal 2 1/2 Jahre auf der Musikschule im Osten. Das war so etwas wie heutige Abendschule. Aber das war nicht so effektiv. Aber jetzt nehme ich Stunden bei einem Lehrer. Der macht klassische Geschichten mit mir. Es gibt verschiedene Lehrmethoden. Und mit seiner komme ich wunderbar zurecht. Es ist ja nicht immer so, daß sich zwei unterhalten und auch verstehen."

Könntest Du Dir vorstellen außerhalb der Skeptiker, z.B. im klassischen Bereich etwas zu unternehmen?

"Vorstellen ja, aber dazu wird es nicht kommen. Denn so etwas ist ein langer Weg. Und dafür bin ich wahrscheinlich auch schon zu alt. Denn auch die Stimme altert. Meine Liebe hängst schon am klassischen Gesang, ohne daß ich es wirklich perfekt beherrsche. Deswegen gibt es auch immer diese pseudo-klassichen Zitate. (lacht)

Aber doch nicht nur im Gesang, denn auch textlich finden sich ja Bezüge zu Literatur, bzw. ernsthafter Kunst (Romain Rolland als Stichwort).

"Steh' ich auch drauf. Mir war es immer wichtig einerseits zu motzen, also Fäkalausdrücke zu benutzen, um verbal auf den Pudding zu hauen. Wenn das aber ausschließlich geschieht, wird es auch langweilig. Daher gab es dann auch die anderen Geschichten, wie z.B. "Dada in Berlin". Ich wollte das immer mischen, also nicht nur Proll oder Kunst. Ich habe einen Hang zu beidem. Ich finde es wichtig, daß man sich auch mal gehen läßt, und seine Wut raus schreit."

Kannst Du Dir vorstellen, auch mal mit den Skeptikern völlig neue Wege zu gehen, und noch mehr zu experimentieren?

(düpiert): "Ich nehme an, Du kennst nicht alles von uns."

Alles! Klar, die "Stahlvogelkrieger" war schon ein mächtiger Einschnitt...

"Stimmt. Wir haben eigentlich immer versucht, auf jeder Platte anders zu klingen. Mit der neuen wird es wieder etwas punkiger. Ich kann nichts mit Bands anfangen, die zehn Platten rausbringen, und alle klingen gleich. Wir haben ja auch nichts neu erfunden, sondern wollten stets als Band neue Wege beschreiten. Bei der "Stahlvogelkrieger", die Du ansprachst, haben wir versucht, mit Samples zu arbeiten. Ja, war nett. Ein paar kleine Effekte sind okay, aber letztendlich muß doch eine Song-Struktur erhalten bleiben, die man auch live präsentieren kann."

Hast Du einen persönlichen Skeptiker-Lieblingssong, oder ist das eine Frage, die man nicht so leicht beantworten kann?

"Nö, nö - kann ich. Von den alten Platten ist es "Der Rufer in der Wüste". Und von der neuen "Titania".

Ich danke Dir für Deine Geduld!

"Na, Mensch..." (lacht)